Vom Abenteuer, Sprache in Schrift zu fassen

Vom Abenteuer, Sprache in Schrift zu fassen

Ein Beispiel aus Mali

Thomas und Bärbel Blecke arbeiten als Sprachwissenschaftler für das französischsprachige Afrika. Zurzeit entdecken sie in Mali mit Einheimischen deren Sprache und verschriftlichen sie.

Rahmen und Aufgabe

Es ist April 2019. Wir treffen uns in Malis Hauptstadt Bamako mit unserem malischen Mitarbeiter Jo und drei jungen Herren aus dem Y-Volk. Zusammen erforschen wir drei Wochen lang ihre Sprache, über die es fast nichts Schriftliches gibt.

Die derzeitige politische Lage in Mali ist albtraumhaft, auch in der Heimatregion der drei Herren. Zu den harten ökologischen Lebensbedingungen im kargen Sahel kommt dschihadistischer Terror, der bereits hunderte von Menschen und ganze Dörfer das Leben gekostet hat. Er endet nicht und es gibt keine wirksame Hilfe von staatlicher Seite oder außerhalb. Wer kann, zieht weg, meist in die Großregion Bamako, wo es zumindest keinen Terror, dafür aber Armut gibt.

Unsere drei Mitarbeiter wurden von ihrer Sprachgemeinschaft ausgesucht. Wir staunen, wie groß ihr Interesse ist, mit uns an ihrer Sprache zu arbeiten, um sie in eine Schriftform zu bringen. Aber haben sie nicht ganz andere Sorgen? Sicher, aber sie lieben ihre Sprache, die Teil ihrer unverwechselbaren Identität ist.

Begleiten statt lehren

„From the sage on the stage to the guide on the side” lautet ein Buchtitel von Noel Jones, auf Deutsch etwa: „Vom Weisen auf der Bühne zum Begleiter an der Seite”. Das umschreibt unseren Ansatz, mit den Einheimischen für ihre Mitmenschen im Land zu arbeiten. Wie vereinbart, haben sie uns 1000 Wörter auf Zetteln und eine Handvoll selbst verfasste Texte nach Gefühl aufgeschrieben und mitgebracht. Die Wörter gehen wir durch und entdecken zusammen Lautinventar und Silbenstrukturen ihrer Sprache. Ab dem dritten Tag arbeiten wir die Texte haarklein durch und finden unter anderem heraus, wie Sätze aufgebaut sind. Was wir verstehen, erklären wir, und die Sprecher prüfen, ob wir richtig liegen. Wenn ja, wird das Phänomen sofort systematisch aufgeschrieben. Es entsteht der Anfangeiner Grammatik. Die Sprecher erleben, was sprachlich in ihnen steckt und wie sie mitmachen können. Wir schwitzen uns durch die Tage, haben aber auch viel Spaß miteinander, essen zusammen, trinken Tee und weiter geht’s. Alle sechs lernen wir ständig Neues: wie diese Sprache funktioniert, wie man sie schreiben und dokumentieren kann. Es kommen ständig weitere Fragen auf, denen nachzugehen ist – teils sofort, teils später.

Weiter Blick und langer Atem

Unsere drei Sprecher verfolgen langfristige Ziele. Sie haben einen Verein gegründet zur Entwicklung ihrer dörflichen Heimat. Ihre Sprache ist ein wesentlicher Faktor in der Rechnung, deshalb machen sie mit. Die gemeinsame Spracharbeit ist die Schnittmenge unserer Interessen. Wie sie wissen, gehen unsere Ziele jedoch weiter, denn mit der Verschriftlichung ihrer Sprache schaffen wir Grundlagen dafür, die Bibel auszugsweise zu übersetzen. Manche werden neugierig auf die Hauptperson der Bibel, Jesus. Auf Französisch kann man sich über ihn schon einlesen, nur verstehen die meisten dafür zu wenig Französisch. Wir meinen, wir Christen sollten ihnen hier so weit wie möglich entgegenkommen.

Was entsteht daraus weiter?

Einige Zeit nach dem zweiten Kurzeinsatz dieser Art – auch dazwischen haben wir weiter an der Sprache gearbeitet – erfahren wir ganz nebenbei, dass die drei Sprecher ihre erworbenen Kenntnisse nicht für sich behalten haben. Sie haben einen Klassenraum gemietet und bringen nun ihren Freunden mehrmals pro Woche abends Schreiben und Lesen bei. Nichts von alledem mussten wir ihnen nahelegen. Einer von ihnen studiert Medizin und sagt uns strahlend, er möchte basismedizinische Aufklärungsbroschüren in seiner Sprache verfassen. So entsteht lokale Verantwortung und daraus nachhaltige Entwicklung.

Unser Mitarbeiter vor Ort bekam kürzlich Besuch von einem der Sprecher. Hier ein Auszug seines Berichts:

Wir sprachen […] über ihre langfristigen Träume von der Entwicklung der Y-Sprache. Eine Sache, die er mir immer wieder sagte, ist ihre Überzeugung, dass die Arbeit, die wir in ihrer Sprache geleistet haben, die wichtigste bemerkenswerte Aktivität mit einem langfristigen Ziel ist, die in ihrer Region durchgeführt wurde und die, da sind sie sicher, zur Entwicklung ihrer Region beitragen wird.

Thomas & Bärbel Blecke arbeiten als Sprachwissenschaftler für das französischsprachige Afrika

Dieser Artikel ist in unserem Magazin move (November 2021 – Januar 2022) erschienen.