Carolina Schrodt arbeitet als Kinderkrankenschwester in Shunga, Tansania. Bei ihrer Arbeit sieht sie junges Leben erwachen und auch sterben. Sie teilt ihre Gedanken zur Würde Neugeborener.
Vor einigen Wochen hielten mich die Finger dieses winzigen Mädchens. Sie war zu früh geboren, Tochter einer burundischen Flüchtlingsfrau – auf dem Feld zur Welt gekommen. Zu klein, zu leicht und mit einer schweren Fehlbildung. Die Mutter kam mit ihr zu uns ins Krankenhaus nach Shunga, in der Hoffnung auf Hilfe. Aber wir wussten, dass wir ihr nicht wirklich helfen können. Ihr Leben dauerte nur wenige Tage.
Gottes Schöpfung. Scheinbar unperfekt, nicht lebensfähig. Da stellt sich doch gerade hier die Frage: Was ist es wert? Ist SIE es wert, dass wir uns kümmern?
Immer wieder denke ich dann an Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn ein wenig geringer gemacht als Gott, mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8,4–6)
Das hebräische Wort für Ehre, דוֹבָּכ (kavod) bedeutet auch „Würde“ und kann mit „Gewicht haben“ oder „von Bedeutung sein“ übersetzt werden. Es verweist auf etwas, das Bestand hat, das zählt, das nicht übersehen werden kann. Auch wenn das Frühchen kaum physisches Gewicht hatte – in Gottes Augen hat jedes Leben Gewicht – ist von Bedeutung – auch wenn es nur wenige Tage lebt. Der Wert eines Menschen wird ihm nicht durch seine Umstände oder potenzielle Zukunft gegeben, sondern von Gott selbst zugesprochen. Schon in der Geburt – selbst in der zerbrechlichsten Form – spiegelt sich diese göttliche Würde wider. Es ist nicht unsere Einschätzung, die zählt, sondern Gottes Zusage: Du bist bedeutsam, weil ich dich geschaffen habe.
Geburt ist ein Wunder, in dem sich Schöpfung fortsetzt.
Besonders Frühgeborene zeigen, wie verletzlich und zugleich kostbar Leben ist. Es braucht Wärme, Nähe, Geduld – und Vertrauen. In Tansania sind manche Situationen nicht leicht. Wenn Möglichkeiten fehlen, Diagnosen unklar bleiben, Hilfsmittel nicht verfügbar sind – dann gerät auch unser eigenes Tun an seine Grenze. Und gerade dort, wo wir Unvollkommenheit sehen, sieht Gott mehr. Seine schöpferische Liebe macht sich nicht an äußeren Maßstäben fest. In seiner Kreativität liegt keine technokratische Perfektion, sondern Zuwendung – ein Blick, der das Unfertige trägt, ehrt – ja krönt.
Gott bleibt der Schöpfer. Im Hebräischen und Griechischen ist das Schaffen Gottes nie bloß Funktion. Das Wort poieō – schöpfen, gestalten – ist auch Wurzel unseres Wortes für „Poesie“. Wir sind Teil seines schöpferischen Gedichts. Jede Geburt ist eine neue Zeile darin. Ein Lied, das mich tief berührt, drückt dieses Staunen über Gottes Gegenwart im Kleinen aus:
Du hast Schönheit zum Leben erweckt,
„Im Einfachen sehn“, Gospel Forum, 2014
Lass mich Dich im Einfachen sehn.
Ganz umgeben von Wundern bin ich,
Lass mich Dich im Einfachen sehn.
Im Erstaunen, da finde ich Dich,
Lass mich Dich im Einfachen sehn.
Im Kleinen Dich zu sehen, lässt mich niederknien.
Es überwältigt mich zu spüren, wer Du bist.
Im Einfachen, im Verletzlichen, im Unscheinbaren begegnet uns der Schöpfer. Und er lädt uns ein, mitzugestalten. Nicht aus Pflicht, sondern aus Staunen. Aus Liebe zum Leben. Die Schöpfung beginnt im Kleinen. Geben wir dem Kleinen Bedeutung, dann entdecken wir das Große darin. In den kleinen Händen eines Mädchens wird die große Liebe des Schöpfers sichtbar.
Ich möchte Sie ermutigen, heute das Kleine und Einfache zu sehen, das Unscheinbare und vielleicht auch Unperfekte – darin Gott zu sehen, seine Liebe zu Ihnen – zu seiner Schöpfung! Es wird Ihnen Großes zeigen!
Carolina Schrodt ist Hebamme und Missionarin in Tansania
Der Artikel ist in unserem Magazin move (August – Oktober 2025) erschienen.
