Simon Diercks erlebt schöne Momente – vom Sport bis hin zur virtuellen Realität – und lernt von einem rumänischen Künstler, welche Rolle Schönheit bei Gottes Mission spielt.
„Schön hier.“ Zu welchen Zeitpunkten, Gelegenheiten und an welchen Orten haben Sie das sagen können? Ich denke an so ganz unterschiedliche Momente: an die Faszination, als ich das erste Mal vor der Sagrada Familia in Barcelona stand. Ein Kirchengebäude, wo gewaltig, erhaben und verspielt schön, dass die Lebenszeit von Antoni Gaudi nicht annähernd gereicht hat, es zu vollenden. Ich entsinne mich, wie ich auf dem Hamburger Rathausmarkt die Ziellinie des Triathlons überquerte: strahlende Gesichter, eine Flut der Gefühle, eine so intensive Selbstwahrnehmung. Oder wie ich staunend durch einen von Bodennebel und morgendlichen Sonnenstrahlen durchzogenen Wald in Mittelhessen streifte. Aber auch auf ganz unerwartete Weise: im Betrachten der live im Moment entstehenden dreidimensionalen Kunstwerke eines VR-Künstlers beim Lausanner Weltkongress in Südkorea. Bei den zu Tränen rührenden Stunden mit der Serie „The Chosen“, deren Filmemacher Jesus Leben so viel nahbarer für mich machten. Oder ganz unspektakulär beim Betrachten einer koptischen Ikone aus dem 8. Jahrhundert, die Jesus und seinen Freund Menas zeigt. Und mit einem einfachen Bild so viel von Jesus Freundschaft zu uns zeigt.
So ganz unterschiedlich, aber eines haben sie alle gemein: sie sind schön. Lassen schöne Momente entstehen. Mehr als pragmatische Notwendigkeit, mehr als „quadratisch, praktisch, gut“. Vielgestaltig, bunt, berauschend, überschwänglich, kreativ. In dieser Ausgabe der move geht es um Schönheit – in vielen ihrer Ausdrucksformen: Kunst, Film, Musik ebenso wie auch Sport, Design oder die Natur.
Schönheit ist mehr als Beiwerk zu dem Eigentlichen.
Schönheit ist – so bin ich überzeugt – Geschenk und Aufgabe Gottes an uns Menschen. Manche Schönheit, die wir einfach nur entdecken dürfen, manche, zu deren Sichtbarwerdung wir beitragen dürfen oder für deren Erhalt wir uns einsetzen sollen. Oder wie der rumänische Künstler Liviu Mocan es kürzlich auf einem Treffen europäischer Leiterinnen und Leiter ausdrückte: „Gott ist reine Schönheit. Er drückt sich auf wunderschöne Weise aus.“ Wer Liviu zuhört, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie er sich selbst ganz hinwirft in die Aufgabe, immer neue Ausdrucksformen für die Schönheit zu finden, die er im Wirkungsfeld Gottes entdeckt. Keine neue Idee: Die Anweisungen Gottes zum Bau seines Tempels, zum Einsatz von Musikern, Sängerinnen, Tänzern und Meistern ihres Handwerks füllen ganze Kapitel. Sie zeigen, wie Gott Schönheit gebraucht, um auf die Schönheit seines Wesens, seiner Liebe, eines Lebens als seine Menschen hinzuweisen. Ganze 23 Mal wird der Künstler Bezaliel in der Bibel erwähnt. Warum? Er wird von Gott ausgewählt, das Zeltheiligtum zu bauen – den mobilen Wohnort Gottes auf der Reise mit seinem Volk Israel. Und er ist der erste, von dem beschrieben wird, dass Gott ihn mit seinem Heiligen Geist erfüllt. Wozu? Damit er als Handwerker und Künstler Gott ein Zelt bauen kann.
„Liebe Gott durch die Kunst und liebe die Menschen durch die Kunst! Wir können Schönheit um uns herum schaffen. Das ist ein Weg, das Evangelium zu verkünden und das Reich Gottes zu vergrößern.“
Liviu Mocan, rumänischer Künstler
Wie wir Gottes Schönheit im Glauben wahrnehmen, das ist ganz unterschiedlich. In seiner Typologie „Die Drei Farben deiner Spiritualität“ hat Christian A. Schwarz neun verschiedene Zugänge zum Glauben vorgestellt, die Menschen auf ganz unterschiedliche Weisen die Schönheit Gottes und der Glaube genannten Beziehung zu ihm entdecken lassen. Der enthusiastische Typ wird die Schönheit Gottes vielleicht eher in der Ekstase einer Gott im Lobpreis anbeteten Menschenmenge erleben als der asketische Typ, der am vierten Klausurtag im Schweigekloster Gottes Schönheit bestaunt. Wer sich aus der Komfortzone der eigenen Vorlieben traut, wird Gottes Schönheit manches Mal ganz neu begegnen können.
Was bedeutet es aber für Sie und mich, für uns als Allianz-Mission, wenn Schönheit Geschenk und Aufgabe von Gott an uns ist?
Noch einmal Liviu Mocan: „Liebe Gott durch die Kunst und liebe die Menschen durch die Kunst! Wir können Schönheit um uns herum schaffen. Das ist ein Weg, das Evangelium zu verkünden und das Reich Gottes zu vergrößern.“ Schönheit als Verkündigung des Evangeliums.
Gottes Schönheit in unserem Tun
Also stellt sich uns die Frage: Wie tragen wir dazu bei, dass Menschen sagen können: „Schön hier“? Welche Auswirkung hat das auf unsere Gottesdienste, unsere Spiritualität, wie wir Menschen Jesus vorstellen und wie wir Gottes Mission gestalten?
In dieser Ausgabe der move machen wir uns auf die Suche nach Schönheit. Mit Menschen, die dafür unterwegs sind: Ruth Gebhard als Filmemacherin, Manuel Müller für die Natur der Sahelzone, Ting als Musiker, Daniel Mannweiler als Sportler, Nadine Ortmann als Grafikerin, Nathanael Ullmann als Theaterenthusiast und manche mehr. Sie finden ganz unterschiedliche Antworten darauf, wie Gottes Schönheit sich in unserem Tun mit ihm in dieser Welt ausdrückt.
Ich komme zurück zu meiner Frage vom Anfang: Wann sagen Sie: „Schön hier.“ Und: Wie können Sie dazu beitragen, dass andere genau das sagen können?
Simon Diercks ist Leiter Communication & Media
Der Artikel ist in unserem Magazin move (August – Oktober 2025) erschienen.
