Stefan Seibel ist Pastor der FeG Lübeck und hat seine Doktorarbeit geschrieben zum Thema „Evangelisation mithilfe digitaler Kommunikationsmittel“. Warum Glaubensentscheidungen online leichter fallen und wie Gemeinden profitieren können, davon berichtet er im Intwerview.
Stefan, warum gerade dieses Thema?
Ich habe 2021 mitten in der Coronazeit angefangen. Alles wurde digital – Gottesdienste, Abendmahl, Gebet via Zoom. Ich fragte mich: Lassen sich geistliche Prozesse digitalisieren? Können Menschen online eine echte Gotteserfahrung machen?
Was genau hast du untersucht?
Ich habe mich auf synchrone, interaktive, evangelistische Kommunikation konzentriert – also kein Social Media oder YouTube. Ich habe Alpha*-Onlinekurse untersucht, Interviews geführt, teilnehmend beobachtet und Literaturrecherche betrieben. Die Forschungsfrage war: Wie kann Evangelisation mit digitalen Kommunikationsmedien gelingen?
Und dein Fazit?
Es gibt fast nichts, was man nicht auch online machen kann.
Wie verändert sich denn das Verständnis von Bekehrung im digitalen Raum?
Unser klassisches Bild ist geprägt von Charles Finney – ein Event, ein Aufruf, ein Moment. Aber Bekehrung ist auch ein Prozess. Menschen brauchen Jahre, um zum Glauben zu finden. Und das braucht einen Raum, der absichtslos ist, wo man zuhört, ohne zu urteilen, und kein Ergebnis erzwingt.
Kann man das digital auch verkörpern?
Ja. Es gibt die drei Ebenen: Notitia (Information), Assensus (Zustimmung) und Fiducia (Vertrauen). Letzteres braucht emotionale Tiefe – und die kann ich digital abbilden, wenn der Raum sicher ist.
Was sind die Vorteile von Alpha Online gegenüber dem klassischen Kurs?
Der Heimvorteil: Die Teilnehmenden sind zu Hause, sie kennen ihr Umfeld, können Nähe und Distanz selbst regulieren. Kamera aus, kurz rausgehen – das schafft psychologische Sicherheit.
Und was ist mit der Rolle der Körperlichkeit?
Inkarnation bedeutet nicht zwingend physische Präsenz. Paulus hat auch aus der Ferne geschrieben. Der Heilige Geist nutzt Schriftrollen und Bildschirme. Wichtig ist, ob ich Verbindung schaffe – und das geht auch digital.
Wer wird durch digitale Formate erreicht, wer nicht?
Leute mit Bildschirmmüdigkeit oder Bedürfnis nach körperlicher Nähe eher nicht. Aber Skeptiker, Menschen mit Scham, Eltern ohne Babysitter, Menschen mit Behinderungen – da ist digitale Kirche inklusiver.
Wie steht es um Gemeinschaft und Jüngerschaft digital?
Man vergisst irgendwann, dass es eine Videokonferenz ist. Die emotionale Verbindung ist real. Auch wenn niemand umarmt wird – die Resonanz ist da. Manche Gruppen haben sogar gemeinsam gegessen – jeder für sich, aber doch zusammen.
Was geht in Sachen Seelsorge online?
Viel. Manchmal sogar besser, wenn die Kamera aus ist. Dann höre ich wirklich zu. Die digitale Form ist kongruent mit der nötigen Haltung – absichtslos, zuhörend, sicher.
Warum machen das nicht mehr Gemeinden?
Vielleicht, weil es mit der Pandemie verknüpft ist. Oder weil man das Feiern eher mit Präsenz verbindet. Und natürlich gibt es auch Dinge, die digital nicht so gut funktionieren.
Welche wären das?
Benjamin Windle nennt sieben Dimensionen von Kirche – vier gehen gut digital: geistliche Gespräche, Predigt, Lobpreis und Evangelisation. Drei gehen nur in Präsenz: praktische Hilfe, Gastfreundschaft und Kasualien wie Taufe oder Beerdigung.
Was hat dich am meisten überrascht?
Die Bedeutung des geschützten Raumes. Menschen verlassen ihre innere Komfortzone eher, wenn die äußere sicher ist.
Ein Ausblick: Wie wird Digitalität Mission in Zukunft verändern?
KI wird eine Rolle spielen. Menschen erleben Intimität mit Chatbots. Das wirft Fragen auf: Kann man sich selbst bejüngern per App? Ich habe keine abschließende Antwort. Aber es bleibt spannend.
Danke dir, Stefan! Und dein Schlusswort?
Beziehung geht vor Methode.
Das Interview führte Simon Diercks, Leiter Communication & Media
Der Artikel ist in unserem Magazin move (November 2025 – Januar 2026) erschienen.
Das ausführliche Gespräch im Podcast hören
Stefans Doktorarbeit lesen (englisch)
*Ein Alpha-Kurs ist ein Kurs, der grundlegende Themen des christlichen Glaubens behandelt. Er wird meist in Abendveranstaltungen mit gemeinsamen Essen, kurzem Vortrag und offenen Gesprächen in Kleingruppen durchgeführt.
