Einsame Helden

Einsame Helden

Angekommen bist du, wenn Einheimische zu echten Freunden werden. Der Weg dahin ist herausfordernd und trägt das Potenzial, einsam zu sein. Unsere Kollegin H. erzählt von 13 Jahren Freundschaft bauen in Südostasien.

“Du bist so eine gute Zuhörerin, dir kann ich alles anvertrauen!” Nicht selten hören meine Kollegen und ich solch eine Rückmeldung von den Einheimischen, die wir begleiten. Manches Mal haben wir sie erst zwei, drei Mal getroffen. Unser ehrliches Interesse an ihrer Lebenssituation führt dazu, dass viele uns als enge Vertraute ansehen. So ging es mir auch mit Esther*, die zehn Jahre jünger ist als ich. In der Vergangenheit hörte ich ihr zu, ermutigte und stärkte sie. Sie teilte mir ihr Leid und ich war für sie da. Das war die Dynamik unserer Beziehung.

In dieser Form der Beziehung gerät schnell aus dem Blick, dass auch Missionarinnen und Missionare einen guten Zuhörer und Freunde brauchen, mit denen wir unsere Schwierigkeiten teilen können. Wir sind keine Supermenschen, die Deutschland verlassen haben, um im jeweiligen Einsatzland die Welt zu retten. Ganz im Gegenteil, gerade in unserer Verletzlichkeit erleben wir das Evangelium, die frohe Botschaft, dass alle Jesus brauchen.

Echte Freundschaften mit Einheimischen sind aufgrund sprachlicher Defizite, kultureller und sozialer Differenzen oder Zeitmangel schwer zu knüpfen.

Freunde: Endlich angekommen

Einige von uns pflegen langjährige Freundschaften nach Deutschland. Andere sehen die deutschen Teamkollegen zugleich als Freunde oder gar den deutschen Leiter als einzigen “Versteher”. Zumeist bleibt es der Ehepartner, dem man alles anvertraut. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch den einen oder anderen gibt, der im Dienst vereinsamt. Weder die Einheimischen können einen so richtig verstehen in der doch auch deutschen Prägung noch die guten Freunde in Deutschland können die Lebenssituation im Einsatzland nachempfinden. Echte Freundschaften mit Einheimischen sind aufgrund der sprachlichen Defizite, kulturellen und sozialen Differenzen oder schlichtweg Zeitmangel schwer zu knüpfen. Gerade deshalb zeigen diese Freundschaften, dass wir tatsächlich im Land angekommen sind. Dann leben wir dort tatsächlich und es ist eben nicht nur ein „Einsatz”.

Nach 13 Jahren im Land bin ich dankbar, dass ich in Esther eine einheimische Freundin gefunden habe. Wir können auf Augenhöhe Freud und Leid teilen. Sie eröffnet mir Perspektiven, die ich vielleicht nicht sehen möchte. Sie betet für mich und wir können gemeinsam weinen. Sie ist mir nicht nur eine wertvolle Kollegin, sondern auch Schwester im Glauben und eine sehr enge Freundin. Esther trägt mit dazu bei, dass mein Einsatzland zur Heimat geworden ist.

Unsere Mitarbeiterin ist verdeckte Missionarin in einem Land in Südostasien
*Name geändert

Der Artikel ist in unserem Magazin move (Februar – April 2026) erschienen.