Herausgefordert, vernetzt, prophetisch: Mission in Zeiten der Machtverschiebung

Herausgefordert, vernetzt, prophetisch: Mission in Zeiten der Machtverschiebung

Von China bis Nairobi, von Deglobalisierung bis Diaspora-Gemeinden in Europa: Thomas Schech, Vorstandsvorsitzender der Allianz-Mission, beleuchtet, wie Mission heute herausgefordert – und zugleich neu inspiriert – wird.

Eine steile Aufgabe wartet auf mich: „Was sind die großen Herausforderungen für Mission heute – in Deutschland und global?“, so schrieb es mir die Redaktion. „Welche Aufgaben ergeben sich daraus und welche Chancen?“

Bevor ich loslege: Was ich schreibe, ist ein kleiner Ausschnitt. Es ist mein kleines Scherflein zu einer großen Frage. Immer gefärbt, subjektiv und der Ergänzung bedürftig. Aber ich will es gerne wagen. Also: Auf gehts!

Mission und die Realität einer multipolaren Welt

Das Unterwegssein der Kirche Jesu in dieser Welt ist beeinflusst von den politischen Rahmenbedingungen. Nicht abhängig, aber beeinflusst. Wir erleben große Verschiebungen und noch weiß keiner, wohin die Reise geht. Verschiedene Hegemonialmächte machen ihren Einfluss geltend: USA, Russland, China, Indien, Saudi-Arabien. Das alte Europa kämpft um Einheit und sucht seinen Platz.

Zoomen wir kurz hinein … Was wir beobachten: Die Regierung in China erhöht massiv den Druck auf die inoffiziellen Kirchen, die den weitaus größten Teil der Christen im Land ausmachen. Dieses Phänomen ist landesweit zu beobachten. Die Kirche in Russland scheint gespalten. Die Propaganda der Regierung wirkt. Auch Indien macht Druck und will ein Land etablieren, in dem neben dem Hinduismus kaum Platz ist für Menschen, die anders glauben. Und schließlich: Was bedeutet es für die globale Zusammenarbeit, dass 81 % der weißen evangelikalen 2024 ihre Stimme für Donald Trump abgaben? Welches Mindset geht von Organisationen und Mitarbeitenden aus, deren Unterstützung für die Politik Trumps bis heute ungebrochen ist? Was mir Hoffnung macht, das sind viele gute Freunde aus den USA, die sich global engagieren und eher auf „Zusammenarbeit First“ setzen.

Bei dem schnellen Ritt durch die Weltlage, die Mission beeinflusst, muss auch der massive Bedeutungsverlust globaler Institutionen wie der UNO genannt werden. Dieser Bedeutungsverlust ist die unmittelbare Folge des gewachsenen Nationalismus an vielen Orten. Das geht Hand in Hand mit massiven Kürzungen von Mitteln für Menschen in Not. UNHCR und andere, müssen ihre Programme massiv streichen. Oder nehmen wir die Hilfsprogramme der US-Regierung (USAID), die 2024 noch 30 % der weltweiten Unterstützung ausmachten (in Zahlen 63 Milliarden Dollar pro Jahr). Die Streichung vom 86 % im Frühjahr 2025 hat enorme Auswirkungen und kostet an vielen Orten das Leben von Menschen.

Es ist offensichtlich: Die Idee des Freihandels hat es aktuell schwer. Wir befinden uns auf dem Weg zu einer gewissen Deglobalisierung. Hier können wir als Kirche und Mission einen Gegenakzent setzen! Zugleich beschleunigen alle die hier genannten politischen Rahmenbedingungen einen heilsamen, ja notwendigen Weg, nämlich den, dass lokale und kontextualisierte Formen und Verantwortung für Kirche und Mission ganz oben auf der Agenda stehen. Das muss auch uns in unseren Bemühungen als Allianz-Mission überall groß geschrieben werden.

Neue Missions-Netzwerke ohne den Westen

Dazu gehört, dass sich gerade im Süden und Osten neue Netzwerke und Allianzen bilden, die den klassischen Westen (Europa und Nordamerika) zunächst bewusst außen vorlassen. Mit gesundem Selbstbewusstsein schaut man auf die zahlenmäßige Verschiebung in der globalen Kirche und beansprucht daraus eine Führungsrolle auch in der Weltmission. So heißt es in der Panama Partnership Declaration (April 2025) des COALA-Netzwerks, einem Zusammenschluss von regionalen und kontinentalen Netzwerken der Mehrheitswelt: „Wir erkennen an, dass sich das Zentrum des globalen Christentums verschoben hat und dass die Mehrheitswelt – Asien, Afrika und Lateinamerika – nun eine zentrale Rolle in Gottes Mission spielt.“

Weil Mission in der Mehrheitswelt häufig immer noch von der westlichen Mission abhängig ist, muss sie zunächst unabhängig werden. Das scheint mir ein Zwischenschritt zu einem nächsten Schritt, der unbedingt folgen muss, nämlich sich hineinstellen in eine Beziehung und Zusammenarbeit, von gegenseitiger Abhängigkeit und gegenseitigem Lernen. Anders gesagt: Arbeiten auf Augenhöhe. Damit das möglich ist, braucht es neben der eigenen Identität auch eigene Ideen und Wege für das Zeugnis des Evangeliums im eigenen Kontext. Das schließt die Entwicklung eigenständiger theologischer Ansätze, Jüngerschafts-Konzepte, Lobpreiskultur, Leiterentwicklung und anderes mehr ausdrücklich ein.

Dabei müssen wir bedenken, dass die christliche Kirche zwar im Süden und Osten wächst, in Sachen Theologie, Methodik, Finanzen und Infrastruktur jedoch häufig noch vom Westen dominiert wird. Das Ergebnis ist, dass viele Christen aus der Mehrheitswelt sich weiterhin an den Vorbildern westlicher Mission orientieren, sei es bewusst oder unbewusst. Als Allianz-Mission werden wir diese Entwicklung hin zu einer gesunden Eigenständigkeit fördern und zugleich mit darauf hinwirken, dass es nach einer gewissen Entstehungs- und Entwicklungsphase zu neuen globalen Koalitionen kommt.

Wir müssen lernen zu empfangen. Brückenbauer für Gottes Mitarbeiter aus dem globalen Süden und Osten. Vermittler und Verbinder zwischen Ortsgemeinden in Deutschland und sendenden Gemeinden und Organisationen aus der Mehrheitswelt.

Lernen zu empfangen

Seit bald 140 Jahren hat die Allianz-Mission Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in andere Länder entsandt. Menschen aus Deutschland, die an der Seite lokaler Kirchen und Organisationen mithalfen, das Reich Gottes sichtbar zu machen. Wir können entsenden. Wir wissen, wie das geht. Das wollen und werden wir auch weiterhin tun. Aber darüber hinaus müssen wir lernen zu empfangen. Brückenbauer für Gottes Mitarbeiter aus dem globalen Süden und Osten. Vermittler und Verbinder zwischen Ortsgemeinden in Deutschland und sendenden Gemeinden und Organisationen aus der Mehrheitswelt.

Das jüngste Beispiel: Sechs junge Menschen aus einer großen Kirche in Nairobi absolvierten ein interkulturelles Praktikum in drei Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland. Ein Ziel ist dabei: Herausfinden, ob sie sich ein langfristiges Engagement hier bei uns in Deutschland vorstellen können, eben um uns zu helfen, die gute Nachricht hier bei uns sichtbar und hörbar zu machen.

Eine reife, prophetische und vielstimmige europäische Kirche

Missionsstrategisch sind lokale Kirche und lokale Leiterschaft fast überall auf der Agenda. Und das ist richtig so. Vorbei die Zeit, in der Leute von außen kommen mit Geld und Ideen und sich berufen fühlen, Dinge umzusetzen, ohne jemals gefragt worden zu sein. Was Deutschland und Europa betrifft, hier bilden wir die Seite der lokalen Kirche.
Aber zugleich stehen wir in Europa zusammen mit einer bunten Vielfalt von Diaspora Kirchen und Diaspora Bewegungen aus der Mehrheitswelt. Wir sind herausgefordert, gemeinsam eine reife, vielstimmige prophetische Kirche zu bauen. Dazu müssen wir Leiterinnen und Leiter aus der Mehrheitswelt in Europa fördern, Brückenbauer identifizieren und natürlich überhaupt erst einmal anerkennen, dass genau eine solche bunte und vielstimmige Kirche unsere Zukunft ist.

Thomas Schech ist Vorstandsvorsitzender

Der Artikel ist in unserem Magazin move (Februar – April 2026) erschienen.