Dekolonialisierung ist kein „alter Schuh“ und kein woker Trend, meint Alfred Meier, sondern impliziert den Wunsch vieler Partner im Globalen Süden, Identität neu zu definieren und eigene Errungenschaften in die Weltmission einzubringen.
Wer Mission sagt, muss auch Aufarbeitung sagen: der Geschichte, der geistlichen Gewissheiten, der Machtmuster. Dekolonialisierung heißt Erweiterung: Der Horizont wird größer. Heikel ist der psychologische Moment: Wer lange dominierte, tritt einen Schritt zurück. Partner im Süden gestalten zuerst; wir gehen – auf Einladung – mit. Das ist Konsequenz der Missio Dei: Mission ist Gottes Sendung, nicht unser Projekt.
1) Missio Dei: antikoloniale Grundlage
Mission beginnt nicht im Strategiebüro, sondern in Gottes trinitarischer Bewegung: Der Vater sendet den Sohn, der Sohn den Geist, der Geist die Kirche. Daraus folgt eine antikoloniale Logik: Gott setzt die Agenda. Der Geist überschreitet Grenzen, öffnet Sprachen, ehrt Kulturen. Wo Gott Subjekt bleibt, verliert missionarische Herrschaft ihren Boden. Kulturimperialismus und das Funktionalisieren von Menschen widersprechen der Sendung, an der die Kirche lediglich teilnimmt.
2) Vom Zentrum zu den Rändern
Mit diesem Blick rücken die Ränder in die Mitte. Das Priestertum aller Gläubigen wird dort sichtbar, wo keine Mehrheitskultur trägt, bei Namenlosen, Ausgegrenzten, Migrantinnen und Migranten, Armen. Sie bezeugen den Glauben aus ihrer Lage – als gelebte Hoffnung. Diese Basisnähe steht in fruchtbarer Spannung zum missionarischen Amt, korrigierend, erdend, authentisch. Mission ereignet sich nicht nur „von oben“, sondern charismatisch, graswurzelhaft, nah.
3) Haltung statt Programm
Mission verwandelt nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung, Heilung, Perspektivwechsel. Sie ist Gegenmodell zur Invasion: zuhören, sich einlassen, mitgehen. Der Abschied vom kolonialen Mindset betrifft beide Seiten. Auch Empfangende können koloniale Logiken verinnerlicht haben: Abhängigkeiten, Selbstabwertung, Fixierung auf externe Expertinnen und Experten. Befreiung wächst mit Mosaikdenken: Vielfalt als Strukturprinzip. Pauschale Zuschreibungen weichen gemeinsamen Lernwegen. Heute tragen oft Bewegungen und Kirchen des Globalen Südens die Dynamik.
4) Kontextuelle und partizipative Strategien
- Denken: Dekoloniale Denkweise erkennt Wissensformen auf Augenhöhe an – akademisch, lokal, indigen.
- Sprache: Mehrsprachigkeit fördern, nicht nur Kolonialsprachen.
- Praxis: Vor-Ort-Initiativen stärken statt Konzepte exportieren.
- Leitung: Verantwortung teilen; Visionen im transkulturellen Dialog formen.
- Partnerschaft: Austausch von Gaben statt paternalistischer Hilfe.
- Erfolg: Nicht Zahlen allein, sondern Selbstständigkeit, Verwurzelung, Gerechtigkeit.
- Theologisch: Kontextualität ernst nehmen, kontextuelle Bibelauslegung fördern.
- Strukturell: Partner aus Afrika, Asien und Lateinamerika in Leitung integrieren – und Missionare aus dem Süden ebenso senden wie aus dem Norden.
- Spiritualität wird zur Schule der Demut. Wir besitzen Mission nicht; wir suchen gemeinsam Gottes Reich.
5) Ganzheitliche Mission heute
Ganzheitlich heißt: geistlich wach, sozial verantwortlich, ökologisch sensibel. Migration wird zum Werkzeug Gottes: Diaspora-Gemeinden beleben säkulare Städte in Europa, wo Kirchen schrumpfen. Junge Generationen bringen digitale Kompetenz, Kreativität, Gerechtigkeitssinn. Ethik wird zum prophetischen Zeugnis, wo Menschenwürde verletzt, Macht missbraucht, Schöpfung zerstört wird. Aufarbeitung bleibt Pflicht: Schuld benennen, Wiedergutmachung beginnen, indigenen Religionen neu begegnen.
6) Leitlinie für Missionsgesellschaften
Unsere Arbeit und unser partnerschaftliches Unterwegssein werden polyzentrisch, dialogisch, kontextuell und geistlich vielfältig. Wir lernen, von unten zu denken, von der Weite unserer Einsatzgebiete, hin zu den Entscheidungen, die wir in den Zentralen der Missionsgesellschaften treffen. So wird Dekolonialisierung zur geistlichen Reifung – und Mission wieder erkennbar, als das, was sie ist: Teilnahme an Gottes lebendiger, befreiender Sendung.
Alfred Meier ist Missionar für Mali
Der Artikel ist in unserem Magazin move (Februar – April 2026) erschienen.
