Erwachsenwerden in zwei Welten – das bringt Erfahrungen von unschätzbarem Wert mit sich und seine Herausforderungen. Marina Kroppach erzählt von ihrer Lebensreise von Tansania über Deutschland und Kenia zurück in die deutsche Kultur.
Ich erinnere mich noch an die Nachmittage in Geita – barfuß, die Sonne warm auf der Haut, roter Staub zwischen den Zehen. Mit meinen zwei besten Freunden rannten wir durch das Dorf, spielten Fangen zwischen den Mangobäumen und lachten, bis die Sonne hinter den Hügeln verschwand. Und obwohl wir „die weißen Kinder“ waren, fühlte ich mich nie fremd. Ich sprach Swahili, wir waren Teil der Gemeinschaft, und dieses einfache, offene Leben prägte mich tiefer, als ich damals ahnte.
Eintauchen zwischen den Kulturen und mittendrin
Als wir 2010 nach Deutschland zurückzogen, war ich noch ein Kind. Fünf Jahre später, 2015, ging es wieder nach Ostafrika – diesmal nach Nairobi, Kenia, das erste Mal eine Großstadt. Nach nur acht Wochen auf der Deutschen Schule wechselte ich auf die Rosslyn Academy – eine christliche Privatschule im amerikanischen System. Ich kam dort an, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Die ersten Monate waren überwältigend. Neue Sprache, neue Kultur, neues Umfeld. Doch ich lernte schnell, tauchte in Theater, Schwimmtraining und Bibelgruppen ein, und fand in all dem eine zweite Heimat. Rosslyn war anspruchsvoll, aber auch lebendig – ein Ort, an dem Glaube, Freundschaft und Lernen ineinandergreifen durften.
Der nächste große Umbruch kam 2022, als ich für mein Biochemie-Studium nach Deutschland zurückkehrte. Nach Jahren in Nairobi war Bremen plötzlich stiller, strukturierter – und freier. Plötzlich konnte ich mich einfach mit Bus und Bahn bewegen, reisen, spontan in ein anderes Land fahren. Ich fand schnell Freunde an meiner internationalen Uni, was den Übergang leichter machte. Gleichzeitig war es eine Umstellung, an einer nicht christlichen Hochschule zu studieren. Der Glaube war kein selbstverständlicher Teil des Alltags mehr. Das, was ich von der Schule kannte – das gemeinsame Gebet vor Unterrichtsbeginn, die „Covenant Groups“ („Rechenschaftsgruppen“), die Gespräche über Gott zwischen zwei Unterrichtsstunden – war nicht mehr Teil von meinem Alltag.
Ostafrika im Herzen
Als meine Schwester Hanna 2024 nachkam, fanden wir in Bremen die Hoop Kirche – eine lebendige, offene Gemeinde, die uns an die vertraute Wärme unserer alten Gemeinschaft erinnerte. Dort habe ich wieder gespürt, wie schön es ist, gemeinsam zu glauben, auch wenn man aus ganz verschiedenen Hintergründen kommt. Unsere kleine Schwester Nele steht jetzt kurz vor ihrem Schulabschluss in Nairobi und überlegt noch, wohin es sie ziehen wird – vielleicht wieder nach Deutschland, vielleicht woanders hin. Wir alle tragen ein Stück Ostafrika in uns, egal wo wir gerade leben.
Ich halte an meinem Glauben fest, aber er sieht heute anders aus als früher. Vielleicht weniger selbstverständlich, dafür bewusster, ehrlicher, und erwachsener.
Im September 2025 bin ich nach München gezogen, um meinen Master zu beginnen. Es war eine größere Herausforderung, als ich erwartet hatte. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren war ich wieder in einem fast rein deutschen Umfeld. Hier begegnen mir Menschen, die, wenn sie hören, dass meine Eltern Missionare sind, sofort ein bestimmtes Bild im Kopf haben. Zwischen „frommes Missionarskind“ und völliger Distanz gibt es so viel Raum. Ich halte an meinem Glauben fest, aber er sieht heute anders aus als früher. Vielleicht weniger selbstverständlich, dafür bewusster, ehrlicher und erwachsener. Manchmal ist es nicht leicht, zwischen zwei Welten zu stehen – zwischen afrikanischer Sonne und deutschem Winter, zwischen Glaube und Zweifel, zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Aber genau dort, in diesem Dazwischen, habe ich gelernt, wer ich bin.
Was ich anderen Missionarskindern mitgeben würde? Sei dir selbst treu. Dein Weg darf anders aussehen als der deiner Eltern oder Geschwister. Und dein Glaube darf wachsen, sich verändern – solange du weißt, worauf du stehst.
Marina Kroppach ist Tochter von Steffi und Daniel Kroppach, Missionare in Kenia
Der Artikel ist in unserem Magazin move (Februar – April 2026) erschienen.
