Der Westen hört zu: Neue Dynamiken in Gottes Mission

Der Westen hört zu: Neue Dynamiken in Gottes Mission

Dieser Artikel ist Teil zwei eines Rundblicks auf die großen Herausforderungen für Mission heute – in Deutschland und global. Ist diese Überschrift nicht zu groß? Ja, ganz sicher. Und trotzdem will ich schreiben. Mich herantasten. Andere werden mich ergänzen. Das ist gut. Ja, notwendig. Also los …

Internationale Trends & Entwicklungen

Wie geht es der globalen Kirche? Wo sind wir eingeordnet? Was gibt es wahrzunehmen und zu lernen? Ein Blick auf einige Zahlen und Entwicklungen. In den letzten 125 Jahren ist der Anteil der Christen an der Weltbevölkerung relativ stabil geblieben. Heute liegt er bei rund 31 Prozent. In absoluten Zahlen zeigt sich jedoch starkes Wachstum: von 558 Millionen Christen um 1900 auf rund 2,6 Milliarden heute. Gleichzeitig ist die Vielfalt gewachsen – von etwa
2.000 Denominationen auf rund 50.000.

Besonders prägend ist der „shift of centers“: Die Zentren des Christentums verlagern sich vom Norden in den Süden und Osten. Heute leben etwa 69 Prozent aller Christen in diesen Regionen. Auch bei den Missionaren zeigt sich diese Verschiebung: 1970 kamen nur 12 Prozent aus dem globalen Süden und Osten, 2021 bereits 47 Prozent.

These 1 – Wir nehmen Perspektiven, Impulse und Unterstützung aus der Mehrheitswelt auf

Paulus vergleicht in 1. Korinther 12 die Gemeinde mit einem menschlichen Körper. Er will sagen: Niemand kann alles. Wir brauchen verschiedene Gaben und Perspektiven, um einander zu ergänzen. Nehmen wir dieses Bild und beziehen es auf die globale Kirche.

Reife Kirche heißt dann nicht, unabhängig von anderen Kirchen und Geschwistern zu leben. Reif ist eine Kirche, die weiß: Wir brauchen einander. Kirchen des globalen Südens sind sich dieser gegenseitigen Abhängigkeit oft viel selbstverständlicher bewusst. Für uns im Norden, für uns in Deutschland, ist das eher ein neuer Gedanke. Hier dürfen wir lernen und wachsen.

Die spannende Frage lautet: Was bedeutet das auf einer tieferen Ebene für den christlichen Glauben? Was bedeutet das für theologischen Austausch, für die Kontextualisierung von Theologie, für die Aufgabe der Dekolonialisierung, für den Austausch von Strategien und für den Umgang mit Einfluss und Finanzen? Lassen wir uns mutig darauf ein.

Die Kirchen der Mehrheitswelt sind sich bewusst: Wir sind von einander abhängig.

These 2 – Wir werden durchlässig und andockfähig für Diasporagemeinden und ihre Leiter in Deutschland

Diaspora steht für Kirche in der Zerstreuung. Kirche fern von der Heimat. Afrikanische Migranten und Diasporagemeinden sind heute wesentliche Träger des Christentums in verschiedenen Regionen der Welt. Das gilt ebenso für Kirchen und Diasporabewegungen aus Asien oder Südamerika.

In Deutschland gibt es geschätzte 4.000 Diasporagemeinden. Viele dieser Gemeinden sind monoethnisch – so wie auch deutsche Gemeinden oft unter sich bleiben. Aber nicht wenige sind mit großem Willen und viel Kreativität unterwegs, um die ganze Bandbreite der Menschen in unserem Land für das Evangelium zu gewinnen.

30 Prozent der Menschen in unserem Land haben einen Migrationshintergrund. In großen Städten liegt der Anteil oft noch deutlich höher. Diasporagemeinden werden uns helfen, die Vielfalt unserer Gesellschaft mit dem Evangelium zu durchdringen. Hier gibt es gute Ansätze. Zugleich stehen wir in vielen Punkten noch am Anfang.

These 3 – Wir öffnen uns für die Dimension des Heiligen Geistes

Das Wachstum der Kirche im globalen Süden geht nicht vor allem auf das Konto historischer Kirchen und Denominationen. Es ist insbesondere ein Wachstum Pfingstkirchlich-charismatischer Gemeinden. Etwa 86 Prozent der pfingstkirchlich und charismatisch geprägten Christen leben im globalen Süden und Osten.

Dabei müssen wir uns klarmachen: Unsere Geschwister lesen die Bibel nicht durch das rationalistische Raster der Aufklärung, das uns im Westen bis heute stark prägt. Biblische Texte werden direkter auf die persönliche Situation angewandt. Das prägt auch den Umgang mit Krankheit und Heilung, mit dem Bösen, mit Traumata und mit Erfahrungen göttlicher Fürsorge.

Auch die Trennung zwischen geistlichem und säkularem Bereich gibt es so nicht. Spiritualität wird als gelebte Wirklichkeit verstanden, die das gemeinschaftliche wie auch das gesellschaftliche Leben einschließt. Glaube bleibt nicht auf das Private oder das Jenseits beschränkt, sondern soll konkrete Auswirkungen im Hier und Jetzt zeigen.

Ich nehme das als echte Anfrage an uns im Westen. Natürlich gibt es neo-charismatische Verirrungen. Aber zu schnell benutzen wir solche Auswüchse, um berechtigte Fragen an unseren eigenen Glauben auf Abstand zu halten. Zu schnell benutzen wir unsere vermeintliche Intellektualität als Schutzschild.

Auf dem vierten Kongress der Lausanner Bewegung in Seoul waren es starke Stimmen aus Afrika, die uns daran erinnerten, dass der Heilige Geist seine Gemeinde baut. Ohne den Geist Gottes ist keine Mission möglich. Das unterschreiben wir sofort. Aber welche praktischen Konsequenzen hat das? Kwabena Asamoah-Gyadu aus Ghana machte klar: Es waren nicht zuerst menschliche, „geordnete“ Überlegungen, die zum Wachstum der Kirche in Afrika geführt haben, sondern der Heilige Geist. Man kann das als Provokation hören oder als Ermutigung. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Und ich bete um einen neuen geistlichen Aufbruch, der Rationalität und Intellektualität mit Geisteskraft und Geistesleitung verbindet.

Zwei bleibende Herausforderungen

Christen tun sich schwer mit Beziehungen außerhalb der Kirche. In einem Artikel des International Bulletin of Mission Research heißt es, dass 87 Prozent aller Buddhisten, Hindus und Muslime persönlich keinen Christen kennen.

Auch die finanzielle Ungleichheit in der weltweiten Kirche bleibt enorm. Der Süden wächst, der Norden schrumpft – aber wirtschaftlich sind die Verhältnisse weithin noch die alten. Diese Ungleichheit und der gute Umgang damit markieren eine der größten Herausforderungen der globalen Kirche heute.

Jüngerschaft als Herzstück von Mission

In einer Umfrage im Vorfeld des 4. Lausanner Kongresses für Weltmission wurden 1.500 Leiterinnen und Leiter weltweit befragt. Das Ergebnis: Der Bedarf an Jüngerschaft wird sowohl als größte Lücke als auch als größte Chance für die Umsetzung des Missionsauftrags gesehen.

Und ja: „Macht zu Jüngern“ steht im Zentrum von Matthäus 28,19. Menschen zu unterstützen, in eine lebendige, reife und mutige Jesus-Nachfolge hineinzuwachsen
– das ist der Auftrag.

Wenn wir über Gemeindeentwicklung oder Mission reden, ist häufig von mangelnden Ressourcen die Rede: Finanzen, Menschen, Zeit. Die Umfrage zeigt jedoch, dass der Mangel an Jüngerschaft noch stärker ins Gewicht fällt. Christinnen und Christen fühlen sich nicht ausreichend ausgerüstet, das Evangelium zu teilen und zu leben.

Dabei ist Jüngerschaft mehr als Wissen. Es geht um persönliche und langfristige Beziehung, um gelebte Nachfolge, die Taten und Gehorsam einschließt, und um geistliche Reife, die Spannungen aushält.

Deshalb haben wir uns als Allianz-Mission zum Ziel gesetzt, dass Jünger zu machen alle Facetten unserer Arbeit durchdringen soll. Die Orte, an denen das am besten geschieht, sind Orte ehrlicher Gemeinschaft – Orte, an denen Menschen bereit sind, sich als geistliche Väter und Mütter in andere zu investieren.

Zusammengefasst: Jüngerschaft nicht als nebensächlichen Zusatz verstehen, sondern als Herzstück der Weltmission. Ohne echte, gelebte und relational verankerte Jüngerschaft kann die Kirche den Missionsauftrag Jesu nicht nachhaltig erfüllen.

Thomas Schech ist Vorstandsvorsitzender

Der Artikel ist in unserem Magazin move (Mai – Juli 2026) erschienen.