Im Iran wächst trotz brutaler politischer wie religiöser Verfolgung stetig das Christentum. Missionar Mehrdad fragt als Iraner und ehemaliger Muslim nach Gott inmitten von Gewalt und Verzweiflung.
Die Bibel verbirgt das Leid weder, noch beschönigt sie es. Sie macht es auch nicht leichter, es anzunehmen. Ein Psalmist schreibt: „Wie lange, Herr?“ Wie lange wird Ungerechtigkeit andauern? Wie lange bleibt Gewalt unbeantwortet? Das ist die Stimme eines menschlichen Herzens, das den Schmerz nicht mehr ertragen kann. Es ist die Sprache derer, die weiterhin an Gott glauben, aber nicht mehr verstehen, was er tut. Heute erhebt sich derselbe Ruf aus dem Iran.
Innerhalb von nur zwei Tagen Straßenprotesten, am und 9. Januar 2026, wurden mehr als 35.000 unbewaffnete Zivilisten getötet. Das ist kein Gerücht, keine Übertreibung, sondern ein Bericht von vor Ort. Sie waren keine Soldaten. Sie hatten keine Waffen. Sie waren gewöhnliche Menschen. 35.000 Tote bilden die tiefe Wunde einer Nation. Diese Wunde verschwindet nicht einfach, vielmehr prägt sie eine ganze Generation. Sie verändert, wie Menschen das Leben, die Wahrheit und sogar Gott sehen. Im Buch Genesis sagt Gott zu Qayin: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden.“ Heute schreit der Boden des Iran.
Wo ist Gott?
Wenn Zerstörung gesehen wird, ist die natürliche Reaktion anzunehmen, dass Gott sich zurückgezogen hat, abwesend ist oder nicht handelt. Doch was ist, wenn der Ort, an dem alles verloren scheint, der Ort ist, an dem Gott von innen heraus sein tiefstes Werk tut? Die Bibel erzählt davon in vielen Berichten: Gottes Gegenwart zeigt sich nicht immer im Sieg, sondern oft mitten im Zerbruch. Auch wenn kein Verständnis vorhanden ist, auch wenn keine Erklärung möglich ist, ist Gott dennoch gegenwärtig.
Ich möchte darin eine Einladung aussprechen: In der Dunkelheit zu stehen, in der Spannung zu bleiben und Gott genau dort zu suchen – nicht für schnelle Antworten, sondern für Treue.
Blutige Verzweiflung und ihre Fragen
Das Mullah-Regime beantwortete jahrzehntelang friedliche Proteste mit blutiger Gewalt. Angst wurde Teil des Alltags. Dieser Zustand war nicht vorübergehend, sondern strukturell und wiederkehrend. Infolgedessen kommen viele zu dem Schluss, dass nur eine äußere Kraft den Kreislauf unterbrechen könnte: Krieg. Dies ist nicht Ausdruck eines Wunsches nach Gewalt, sondern eine Folge von Verzweiflung.
Wenn frühere Antworten zusammenbrechen, beginnt eine neue Suche. In diese Suche spricht das Evangelium hinein.
Gleichzeitig besteht Angst vor dem Krieg – Angst vor zunehmendem Leid und zerstörten Städten. In dieser Situation stellen Menschen grundlegende Fragen: Was ist Wahrheit? Was ist vertrauenswürdig? Was ist real? Wenn frühere Antworten zusammenbrechen, beginnt eine neue Suche. In diese Suche spricht das Evangelium hinein.
Wie reagiert die weltweite Kirche?
Jesu Reaktion auf Leid begann nicht mit Erklärungen, sondern mit Gegenwart und Tränen. Daher spiegelt Analyse ohne Mitgefühl nicht Christus wider. Die Kirche ist nicht zuerst zum Erklären, sondern zum Mittragen berufen.
Zweitens ist eine Rückkehr zum Kreuz notwendig. Das Kreuz war ein Ort, an dem alles nach Scheitern aussah, und doch wurde Erlösung vollbracht.
Abschließend bleibt die Frage der Hoffnung. Sie gründet sich nicht auf Umstände, sondern auf das Wesen Gottes – seine Gegenwart, sein Handeln und seine Treue. Wie geschrieben steht: „Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht überwältigt.“ Die Dunkelheit ist real, aber sie ist nicht endgültig.
Zuletzt: Der Iran ist heute nicht nur ein Ort des Leids, sondern auch ein Ort der Offenbarung.
Wenn Sie solche Bedingungen erleben würden, wie würde ihr Glaube aussehen? Sind Sie bereit, nicht nur für den Iran zu beten, sondern auch von einem Glauben zu lernen, der im Leiden geformt wird?
Mehrdad ist Missionar in der Internationalen Arbeit in Deutschland
Der Artikel ist in unserem Magazin move (Mai – Juli 2026) erschienen.
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