Ich brauche Dich

Ich brauche Dich

Weltkongress 2024 wie kein anderes. Doch was bedeutet es wirklich für die Kirche in Europa? Jim Memory, Leiter der Lausanner Bewegung Europa, zeigt: Zusammenarbeit ist keine optionale Missionsstrategie, sondern das Grundparadigma neutestamentlicher Nachfolge.

Wenn es ein Wort gab, das auf dem vierten Lausanner Weltkongress für Evangelisation 2024 häufiger als jedes andere fiel, dann war es „Kollaboration“. Es hallte von der Eröffnungssitzung an im Raum, als Michael Oh, CEO der Lausanner Bewegung, an Paulus Gedanken in 1. Korinther 12 erinnerte. Er argumentierte, dass die vier Worte, die der weltweiten Kirche am meisten schadeten, folgende seien: „Ich brauche dich nicht.“ „Kollaboration“ klingt im Thema der Konferenz („Lasst die Kirche gemeinsam Christus verkünden und zeigen“) an und zeigte sich bis hin zu den Nachmittagssitzungen. Diese sprachen 25 Lücken bei der Erfüllung des Missionsauftrags an. Am Ende unterzeichneten alle Delegierten in der Abschlusssitzung die Verpflichtung zur Kollaboration. Das Wort war allgegenwärtig.

Kollaboration als Paradigma

Nach unserer Rückkehr aus Seoul begannen meine Co-Regionaldirektorin von Lausanne, Usha Reifsnider, und ich, über unser zweites regionales Treffen der Lausanner Bewegung in Europa nachzudenken. Wir fragten uns: Was hatte der Apostel Paulus im Neuen Testament wirklich über Kollaboration zu sagen, und was bedeutet das für die Kirche in Europa heute? In den ersten zwei Monaten unseres Planungsprozesses las unser Team alle Briefe des Paulus, traf sich oft online, um sie zusammen zu lesen, und machte sich Notizen in einem gemeinsamen Dokument. Wir stellten fest, dass Kollaboration nicht auf die Missionsstrategie des Paulus beschränkt war, sondern das Leitparadigma für alles war, was er tat. Paulus glaubte fest daran und predigte, dass es besser sei, Jesus gemeinsam nachzufolgen. Das war keine Option, sondern eine Erwartung für jeden Aspekt der Nachfolge Jesu.

Kollaboration in drei Dimensionen

1. Kirchen in Kollaboration

Ich verbrachte mit meiner Familie fünfzehn Jahre als Gemeindegründer im Süden Spaniens in Zusammenarbeit mit der European Christian Mission. Wir arbeiteten in einer ländlichen Gegend der Provinz Cordoba, wo keine anderen evangelikalen Gemeinden existierten. Doch nicht weit entfernt gab es andere Gemeinden, und eine Pastorengemeinschaft ermöglichte es den Leitern, sich zu treffen und zu beten. Im Jahr 2001 berief die Fraternidad Ministerial Evangélica de Córdoba eine Konferenz zur Evangelisierung der Provinz ein, die eine Vision für weitere Gemeindegründungen anregte. Als 2010 eine zweite Konferenz geplant wurde, schlossen die Gemeindeleiter einen Bund. Dieser forderte sie dazu auf, den Wettbewerb beiseitezulassen und zusammenzuarbeiten, um die Provinz mit dem Evangelium zu erreichen.
Kollaboration erfordert, dass wir uns unserem Stolz und unserer Konkurrenz stellen. Leider konkurrieren Kirchen oft miteinander, anstatt bei der Mission zusammenzuarbeiten. Kollaboration bedeutet, zu bekennen, dass wir allzu oft erklären und zeigen, dass wir einander nicht brauchen. Die Kirche ist ein Leib, und „alle Glieder sollen sich gleichermaßen umeinander kümmern” (1. Korinther 12,25).

2. Mission in Kollaboration

Ich bin seit vielen Jahren Teil der Leitung der Europäischen Christlichen Mission. Vor etwa zehn Jahren haben wir eine Überprüfung unserer Partner durchgeführt. Wir haben alle unsere Leitenden gebeten, eine Liste derjenigen zu erstellen, mit denen sie vor Ort zusammenarbeiten (Kirchen, Konfessionen, Missionen, Dienste, öffentliche Dienste usw.), und diese dann zu bewerten. Wir stellten fest, dass wir, selbst wenn wir die Partner mit niedriger Bewertung herausnahmen, mehr wichtige und entscheidende Partner hatten als Mitglieder der Mission!
Dennoch ist die Kollaboration zwischen Missionsorganisationen in der Praxis eine Herausforderung. Jede hat ihre eigene Geschichte, Kultur und Werte. Hinzu kommt die Komplexität der Herkunftskultur der Mitarbeitenden und dann noch die jeweiligen theologischen Schwerpunkte. Die Kollaboration als interkonfessionelle und interkulturelle Organisationen kann sehr anstrengend sein. Ich danke Gott für Dokumente wie die Lausanner Verpflichtung, die durch die Formulierung evangelikaler Grundüberzeugungen und missiologischer Imperative eine Grundlage für Kollaboration bieten. Ebenso für die Erklärung von Seoul, die sich eingehender mit einigen aktuellen Themen befasst, über die wir Klarheit gewinnen müssen, bevor wir zusammenarbeiten können.

3. Kollaboration über Kulturen hinweg

Die Ankunft von Millionen von Christen aus der Mehrheitswelt in Europa in den letzten fünfzig Jahren stellt eine neue Herausforderung für die Kollaboration dar. Viele dieser Christinnen und Christen sind in unseren regulären Kirchen zu finden, aber noch mehr sind Teil von Diaspora-Kirchen, die sich nach ethnischer Zugehörigkeit zusammenschließen. Heute gibt es lateinamerikanische, asiatische und afrikanische Diaspora-Kirchen in Städten in ganz Europa. Leider stehen nur sehr wenige von ihnen in einer gesunden Kollaboration mit einheimischen europäischen Kirchen.
Vor einigen Jahren traf ich einen chinesischen Leiter, der mit der Situation in Europa vertraut war. Er sagte etwas, das ich nie vergessen werde: „Die chinesischen Diasporagemeinden sind wie schöne Topfpflanzen, die in europäischen Boden gepflanzt wurden, aber man hat vergessen, den Topf zu entfernen.“ Diese Gemeinden sind in Europa, aber sie sind noch nicht in europäischem Boden verwurzelt. Die europäischen Kirchen müssen mehr tun, um unseren Brüdern und Schwestern aus aller Welt zu helfen, die neben uns arbeiten, Gottesdienst feiern und Zeugnis ablegen. Ihnen die Nutzung unserer Gebäude anzubieten, ist nur ein erster Schritt. Was sie wirklich brauchen, sind Beziehungen, Freundschaft und Gemeinschaft. Es ist echte Gegenseitigkeit gefordert, bei der wir einander zuhören, einander dienen und einander helfen, während wir gemeinsam versuchen, Europa für Christus zu erreichen.

Kollaboration ist keine Strategie

Kollaboration ist eine Haltung der Gegenseitigkeit, in der Kirchen, Missionsorganisationen und Leitende aus Europa und der Mehrheitswelt entdecken, wie sie „Christus gemeinsam verkünden und zeigen” können. Es ist ein eschatologisches Paradigma, in dem wir die Zukunft in die Gegenwart holen. Denn wir wissen, wie die Geschichte endet: mit „einer großen Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen, die vor dem Thron und vor dem Lamm standen“ (Offenbarung 7,9).

Was für ein Privileg, mit Gott und miteinander zusammenzuarbeiten, um die Zukunft heute zur Gegenwart zu machen.

Jim Memory ist Co-Regionaldirektor für die Lausanner Bewegung in Europa und Direktor für internationale Partnerschaften bei ECM

Der Artikel ist in unserem Magazin move (Mai – Juli 2026) erschienen.