Kollaboration klingt verheißungsvoll: gemeinsam etwas bewegen, Energie bündeln, Neues entstehen lassen. Doch was als offener Aufbruch beginnt, endet nicht selten in Konkurrenz, Profilierung und neuen „Flaggen“. Daniel Schönke reflektiert aus über zehn Jahren Erfahrung im digitalen Missionskontext, warum Netzwerke oft zerfallen – und warum echte Kollaboration trotzdem möglich ist.
Flagge hissen
Kollaboration klingt gut. Wir stellen uns zurück, kommen zusammen, investieren in das, was uns gemeinsam ist. Die Energie ist oft spürbar. Kurzfristig ist viel drin. Begeisterung treibt an. Neues entsteht schnell. Entscheidungen fallen ohne lange Gremienwege. Kaum strukturelle Hürden erleichtern die Umsetzung. Doch langfristig bleibt oft erstaunlich wenig. Warum? Weil nach der ersten Euphorie der Individualismus zurückschlägt. Man macht doch wieder das, was man selbst am liebsten mag. Klein-klein. Unter eigener Flagge. Und die, die bleiben, identifizieren sich irgendwann mit der neuen Flagge – für die sie ursprünglich ihre Eigene verlassen haben.
Die aktivste Person definiert meist automatisch die gemeinsame Flagge.
Das ist die Stärke und die Gefahr zugleich. Die aktivste Person definiert meist automatisch die gemeinsame Flagge – inklusive Kultur und Richtung. Was als offener Prozess begann, bekommt unbemerkt ein Gesicht, eine Handschrift, eine Agenda. Wertedifferenzen treten zutage. Unklarheiten entstehen. Manchmal wird sogar der ursprüngliche Zweck verfehlt. Die Folge: Zersplitterung. Viele ähnliche Netzwerke. Viel „Dabei sein“ ohne echtes Dasein. Karteileichen. Demotivation.
Zwischen Flagge einziehen und Meuterei
So erlebe ich das in meinem Dienst seit über zehn Jahren im digital geprägten Raum. Ein Beispiel: 2014 startet ein Projekt für Gamer mit klarem Ziel und klarem Weg. Menschen schließen sich begeistert an. Die Arbeit wächst in drei Jahren um über 200 Ehrenamtler und Tausende Beteiligte in der Community. Je mehr Menschen dazukommen und mitwirken, desto schwieriger wird es, die Klarheit zu behalten. Die Organisation entwickelt sich weiter. Das führt zu Unmut. Grabenkämpfe entstehen. Das Projekt zerbricht 2018 komplett. Der alte Kern wird wieder hergestellt. Gleichzeitig geschieht eine Massenabwanderung. Neue Arbeiten entstehen. Wer kann mit wem?
Einige Jahre später, Corona 2020. Gaming & Mission ist mittlerweile anerkannter und auch traditionellere Organisationen nehmen sich aus der Not der analogen Einschränkung des Themas an. Neue Netzwerke entstehen. Ein regelrechter Netzwerkrausch. Ich bin in bestimmt zehn Netzwerken, die alle mehr oder weniger dasselbe wollen. Überall Menschen, die was bewegen wollen. „Gemeinsam für Gott!“. Konkrete Dinge geschehen eher kurzfristig und projektbasiert. Wenn überhaupt. Am Ende ist es ein Konglomerat von Menschen, die gemeinsam jeder ihr eigenes Süppchen kochen.
Wie stehe ich dazu? Optimistisch betrachtet lässt sich gemeinsam enorm viel bewegen – wenn Politik und Profilierungsdrang beiseitegelegt werden. So wächst das Reich Gottes am besten. Pessimistisch formuliert wird Kollaboration früher oder später zu Kooperation – falls sie überhaupt trägt. Netzwerke werden zum Selbstzweck.
Das Herz eines Kapitäns
Ganz praktisch: Wir leben in einer Optionsflut. Verlässliches Engagement wird seltener. Kollaboration funktioniert deshalb oft besser projektbasiert – klar begrenzt, mit einem eindeutigen Ziel. Drei Monate Hackathon (Arbeitssprint) statt endlose Strukturdebatten. Realistisch gesehen geschieht Kollaboration nie im Gleichgewicht, denn der Einsatz der Involvierten ist unterschiedlich hoch. Darum beginne ich Kollaboration zuerst allein – so paradox das klingt. Ich lebe, wozu ich einlade. Kollaboration ist immer (m)eine bewusste Entscheidung.
Gott ist darin Vorbild. Sein Wesen ist kollaborativ. Schon im Garten Eden schafft er Beziehung. Trotz menschlichem Rückzug bleibt er der Kollaboration treu. So verfolgt er sein Herzensanliegen einer geheilten Welt voller liebender Beziehungen auch weiterhin nicht allein. Menschen werden eingeladen, nicht verpflichtet. Sie können sich frei entscheiden, sich dieser kollaborativen „Reich Gottes“-Flagge anzuschließen.
Immer wieder plädiere ich also dafür, Konzepte zu verschenken oder als Franchise weiterzugeben, sodass andere sie in eigener Verantwortung neu prägen. Ebenso, sich den Dingen anzuschließen, wo ich sehe, dass sie Gottes Reich voranbringen, selbst wenn dafür meine Flagge nicht auftaucht und ich quasi mich selbst verschenke. „Das ist unklug“, wird mir immer wieder gesagt. „Mag sein“, kann ich nur antworten, „aber es funktioniert.“ So ist es. Gott selbst hat sie vorgemacht: Kollaboration, die nicht nur gut klingt, sondern auch langfristig tragbar ist. Kollaboration als innere Entscheidung.
Daniel Schönke ist Co-Lead Unit Digital und Team Lead Gaming und Mission
Der Artikel ist in unserem Magazin move (Mai – Juli 2026) erschienen.
