Habe ich dich falsch verstanden?

Das Gespräch mit Gott ist weder Spielcasino noch Wunschkonzert. Es ist für Evelyn Clement Zuhause und ein Kampf mit dem Nicht-Verstehen-Können. „Gebet ist nicht alles, aber ohne Gebet ist alles nichts“ sagte Johannes Hartl mal. Also beten. Gott fragen. Um Zeichen bitten. Bis vor eineinhalb Jahren war das oft Teil meines Gebetslebens und meine Erfahrung …

Das Gespräch mit Gott ist weder Spielcasino noch Wunschkonzert. Es ist für Evelyn Clement Zuhause und ein Kampf mit dem Nicht-Verstehen-Können.

„Gebet ist nicht alles, aber ohne Gebet ist alles nichts“ sagte Johannes Hartl mal. Also beten. Gott fragen. Um Zeichen bitten. Bis vor eineinhalb Jahren war das oft Teil meines Gebetslebens und meine Erfahrung war, dass Gott sich daraufhin zeigt. Ich habe auf das vertraut, was ich zu hören meinte. Doch dann wurde ich genau in diesem Vertrauen bitter enttäuscht. Daraufhin bewegte mich Folgendes: „Gott lügt weder noch täuscht er uns, sagt die Bibel. Also musste es an mir liegen – oder?“

Dieses „oder“ hat mir den Boden weggerissen. Ich stellte Gottes Vertrauenswürdigkeit in Frage und mit empfindungsbasierten Erfahrungen, die Glauben für den Moment stärken können, kam ich nicht weiter. Am Ende half mir kein nettes Gefühl, sondern Apologetik – gute, berechtigte Argumente, warum unser christlicher Glaube sinnvoll und wahr ist. Das, was Jesus für uns getan hat, ist historisch belegt. Dass es einen Gott gibt, der die Welt schuf, ist für mich viel logischer als ein astrologischer Unfall, bei dem wie zufällig Leben entsteht. Die Bibel ist beeindruckender, je mehr ich mich mit ihr in meinem Theologiestudium beschäftige. Trotzdem blieb mein Kampf mit dem Gebet.

Gebet soll ein Dialog sein. Ich werde also ruhig und höre. Was ich höre, prüfe ich an Gottes Wort – was ihm widerspricht, kann nicht von Gott kommen. Genau das hatte ich getan. War es also bloß meine Einbildung, dass Gott gesprochen hatte? Aber ich erinnere mich an Gottes Stimme.

Ich weiß, dass er spricht:

Vor ein paar Jahren saß ich in der Straßenbahn. Ich hörte plötzlich ganz klar in meinen Gedanken: „Los, fang an zu predigen.“ Die Stimme war so deutlich und das war definitiv nicht mein Gedanke. Auf keinen Fall würde ich nun aufstehen und predigen. Menschenfurcht hinderte mich. In anderen Momenten habe ich darauf gehört und es sind wunderbare Gespräche entstanden. Gott gab mir Worte, wo ich keine hatte.

Ich muss feststellen: Ja, Gott spricht und es lohnt sich auf seine Stimme zu hören. Menschen folgen ihm in den Missionsdienst und auch ich liebe diese kleinen Alltags-Abenteuer mit meinem wunderbaren Gott.

Auch kann ich nicht bezweifeln, dass Gott bereits Gebete erhört hat. Bevor mein Jahr der Zweifel kam, habe ich ein Jahr lang jeden Abend vor meinem Bett gekniet und gebetet. In meinem Kopf hatte ich ganz viele Menschen, die Jesus nicht kennen. Ich bat Gott jeden Abend: „Begegne ihr.“ „Zeig ihm, wer du bist.“ Es gab einige Gespräche, die mich ermutigten, dran zu bleiben und weiter für sie einzustehen, denn Veränderung wurde sichtbar.

Öfter hatte ich einen Straßeneinsatz im Sinn. Ich hatte mit zwei begleitenden Evangelisten für ein junges Mädchen mit Schmerzen im Fuß gebetet. Sie war voller Freude, als sie plötzlich wieder laufen konnte. Als wir für ihren Freund beteten, der das Wunder in Frage stellte, spürte er irgendetwas, das ihn sprachlos machte. Er konnte es nicht beschreiben. Dennoch, sie waren danach beide offen, das Evangelium zu hören. Es hatte sich gelohnt zu beten.

In diesem lohnenden Beten stelle ich dennoch den Satz in Frage: „Gebet bewegt Gottes Arm.“ Sind wir denn diejenigen, die Gott lenken? Oder bleibt er der souveräne Gott, der es gut macht? Sind wir diejenigen, die entscheiden, was nun für Gott zu tun wäre, oder ist es Gott, der viel weiter sieht als wir? Sein „Nein“ zu unseren Bitten ist manchmal schmerzhaft, aber das Beste, das uns passieren kann. Es ist, da bin ich sicher, oft kein Ausdruck fehlenden Glaubens an die Erfüllung des Gebets, sondern das Grenzensetzen eines himmlischen, liebevollen Papas.

Genau das machte mich demütig. Ich entschied mich, zu vertrauen, selbst wenn ich ihn nicht verstehe. Gott ist immer größer als meine Gedanken über ihn und meine Fragen (Jesaja 55,8ff). In diesem Jahr des Gebets, das mit meinem Zerbruch endete, ist das tägliche, bewusste Beten zu einer Zeit des Auftankens geworden. Ich bin mir wieder bewusst geworden, wer ich als Gottes Kind bin und wer Gott in seiner Dreieinigkeit ist. Ich wollte zu ihm zurück.

Wenn ich heute in meiner Hängematte sitze und mit Gott rede, ist es oft schon Tage her, dass ich das letzte Mal dort saß. Da ist manchmal noch die Angst, wieder verletzt zu werden. Aber ich weiß auch, dass Gott in all den letzten Monaten bei mir war und genau weiß, was los ist. Er weiß, was ich wirklich brauche, bevor ich es ausspreche oder überhaupt schon weiß. Ich glaube zutiefst, dass er sich freut, wenn ich mir die Zeit nehme, mit ihm zu sprechen – ehrlich über alle Zweifel und mit einem Glauben, der sowohl weiter als auch tiefer geworden ist.

Evelyn Clement ist Redaktionsleiterin der move

Der Artikel ist in unserem Magazin move (November 2024 – Februar 2025) erschienen.