Performance ist eine Zumutung aber auch ein Geschenk

Was passiert, wenn Theaterpädagogik auf Glauben trifft und eine Gemeinde zur Bühne wird? Nathanael Ullmann nimmt uns mit in eine Performance, die nicht alle verstehen – aber viele bewegt. Nathanael, du bist Redakteur, Fundraiser und Theaterpädagoge. Heute geht es um deinen dritten Hut. Steiler Einstieg: Was ist eine Performance, und was konnte man Anfang 2024 …

Was passiert, wenn Theaterpädagogik auf Glauben trifft und eine Gemeinde zur Bühne wird? Nathanael Ullmann nimmt uns mit in eine Performance, die nicht alle verstehen – aber viele bewegt.

Nathanael, du bist Redakteur, Fundraiser und Theaterpädagoge. Heute geht es um deinen dritten Hut. Steiler Einstieg: Was ist eine Performance, und was konnte man Anfang 2024 in der Freien Evangelischen Gemeinde Bochum-Ost erleben?

Eine Performance kann ganz unterschiedlich definiert werden. Ich mag die Definition, dass Menschen nicht in eine Rolle schlüpfen, sondern als sie selbst auf der Bühne stehen und sich Herausforderungen stellen. In Bochum haben wir in nur vier Tagen mit acht Frauen, die sich kaum kannten und wenig Theatererfahrung hatten, eine Performance erarbeitet. Thema war „Heilung“. Am Ende stand eine 20-minütige Performance, die im Rahmen eines Gottesdienstes aufgeführt wurde.

Was war der Inhalt dieser Performance?

Es ging um zentrale biblische Themen: Eden, Sündenfall, Sünde, Buße, Vergebung, Kreuzigung. Aber nicht klassisch erzählt, sondern in Gestik, Handlungen, z. B. indem Teilnehmerinnen Bußen aufschrieben, anonym vortrugen und sich gegenseitig Vergebung zusprachen. Das wurde auch Teil der Performance.

Wie kam es zu deiner Verbindung von Theater und Glaube?

Mein christlicher Glaube stammt aus dem Elternhaus, mein Vater war Pfarrer. Es gab Brüche, aber ich bin immer wieder zurückgekommen. Das Theater begleitet mich seit der Schulzeit. Ich habe gemerkt, dass ich nicht der beste Schauspieler bin, aber es mir Freude macht, andere zu ermächtigen, Theater zu machen. Das ist die Aufgabe eines Theaterpädagogen. Ich sehe Theater als Möglichkeit, Glauben erfahrbar zu machen – z. B. durch eine Szene, in der ein Kuscheltier geopfert werden soll, um die Geschichte Abrahams emotional erlebbar zu machen.

Wie kann Theater etwas von der Schönheit Gottes ausdrücken?

Theater ist zutiefst menschlich. Es lässt Menschen auf der Bühne strahlen – ich nenne das „Ebenbild Gottes“. Gerade in Performances können Menschen in ihrer ganzen Menschlichkeit sichtbar werden.

Du hast deine Theaterleidenschaft nie ganz aufgegeben. Gab es einen Wendepunkt?

Ullmann: Ja, ich habe ein Coaching in einem Tiny House gemacht mit der Frage: Wie geht es beruflich weiter? Dort wurde mir klar, dass Theater ein großes Feuer ist. Ich reduzierte meine Stelle und widmete mich wieder mehr dem Theater.

Du sprichst von einer „theatralen Landschaft“ in Gemeinden. Gibt es die schon?

In der Form, wie ich sie mir wünsche, noch nicht. Es gibt gute externe Theatergruppen oder klassische Anspiele, aber vieles ist veraltet. Ich glaube, Gemeinden stehen da, wo Theater vor 50 Jahren stand. Ich möchte helfen, postdramatisches Theater in die Gemeinde zu bringen – wo Menschen sie selbst sein dürfen.

Wie kann das konkret aussehen?

Theater kann Menschen außerhalb der Gemeinde erreichen. Ich habe erlebt, dass sich auch Nicht-Gläubige durch Theaterarbeit öffnen, z. B. für gemeinsames Gebet. Theater braucht Zeit und Raum, aber es kann sehr viel bewegen.

Wo siehst du Potenzial für interkulturelle Begegnung?

Theater schafft Gemeinschaft, weil es auf gemeinsame Arbeit und Erleben basiert. Es funktioniert auch ohne viele Worte. Das macht es ideal für multikulturelle Kontexte.

Was ist deine Vision?

Dass Gemeinden Theater neu entdecken und dadurch Menschen zum Glauben finden oder ihn neu erleben. Ich möchte ein kleines Zahnrädchen sein, das hilft, Mut und Mittel dafür zu finden.

Was wäre dein Traumprojekt?

Eine Performance zum Thema Jericho: Erwachsene entwickeln eine Performance, Kinder bauen eine riesige Dominolandschaft – und beides kulminiert in einem gemeinsamen Moment, wenn die „Mauern“ fallen.

Dein letzter Satz für unsere Hörerinnen und Hörer?

Der Schriftsteller Samuel Beckett sagte: „Immer versucht, immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern.“

Mehr zu Nathanael Ullman

Zur Performance der FeG Bochum-Ost